Warmblut Wembley
Wie alles begann ...
Wenn man einmal über 20 Jahre mit einem Pferd zusammen ist, dann ist das schon etwas ganz besonderes! Wembley begleitet mich nun schon mein halbes Leben lang und in dieser Zeit ist viel passiert. Es gab viele Veränderungen und Entwicklungen, ob beruflich, reiterlich oder im Privaten. Rückblickend kann ich sagen, daß sich immer alles zum Besseren entwickelt hat. Mein Wembley kennt mich schon lange durch und durch, und ich denke, könnte er sprechen, würde er mir jetzt beipflichten.
Wembley wurde im April1987 geboren. Er ist ein österreichisches Warmblut und wurde 2-jährig und noch als Hengst von meinen Eltern erworben. Er war ein recht ungezogener und rebellischer Kerl, der zwickte und beim Hufe geben wild um sich schlug. Aber er war damals schon unbeschreiblich schön.
Als er 3 wurde ließen wir ihn kastrieren. Mit mehr Pferdeerfahrung wäre Wembley sicher auch als Hengst zu halten gewesen, aber aus damaliger Sicht der Dinge war es die richtige Entscheidung.
Innerhalb des ersten Jahres hatte ich es geschafft mir das Pferd, das ursprünglich für meine Mutter und mich gemeinsam gedacht war, zu „erschleichen“, das heißt ich ließ meine Mutter gar nicht an ihn ran. Was mir damals aber selbst nicht auffiel. 1990 wurde mir Wembley schließlich hochoffiziell geschenkt.
Beim Anreiten war Wembley ein relativ unkompliziertes Pferd, er lernte rasch und war, bis er knapp 5 war, ein liebes und halbwegs zuverlässiges Freizeitpferd. Nur neue optische Reize erschreckten ihn oft sehr und bewogen ihn zu 180° Wendungen und fluchtartigem Davongaloppieren.Unsere schwierigen Zeiten begannen aber erst, als ich beschloss, Dressur-Turniere mit Wembley zu reiten. Wembley's Grundausbildung hatte kein richtiges System gehabt und er war hoffnungslos überfordert als er im Turnierviereck Leistung auf Abruf bringen sollte. Das äußerte sich darin, daß er bereits am Abreiteplatz vor den anderen Pferden die Flucht ergriff, im Viereck Angst hatte vor den Richterhäuschen und Blumenschmuck etc. und deshalb stieg und umdrehte oder sich nicht mehr vom Fleck rührte.
In meiner Hilflosigkeit wurde ich ungerecht, was aber nur dazu führte, daß Wembley noch verängstigter und unzugänglich wurde. Nach etwa 2 Jahren war die Situation so verfahren, daß ich mir nur noch wünschte, dieses verrückte Pferd loszuwerden. Mein Mann redete unermüdlich auf mich ein, dass Wembley ein gutes Pferd und nicht verrückt sei. Hätte damals irgendjemand Wembley haben wollen, hätte ich ihn sicher verkauft, aber ... ich hatte Glück!
Heute, lange nach dieser Zeit bin ich sehr froh, daß alles so gekommen ist. Obwohl Wembley immer noch ein Sensibelchen und eher verschlossen ist , sich schnell überfordert fühlt, und wenn er denkt, er hätte etwas falsch gemacht, mit Panik reagiert, ist er ein absolut verläßliches, braves und leistungsbereites Pferd geworden. Selbst auf Turnieren hat er Nervenstärke bewiesen. Er ist ein Routinier geworden und bis Prix St. George recht erfolgreich von mir vorgestellt worden. Alle Prüfungen, die ich bisher bei Bent Branderup abgelegt habe, habe ich meinem Wembley zu verdanken. Mittlerweile ist er in die Jahre gekommen, was man ihm aber nicht ansieht. Dort und da zwickt es schon ein wenig. Er wirkt aber immer noch jung und strotzt vor Kraft. Jeder, der ihn kennt, weiß wovon ich rede. Wembley hat kein bisschen von seiner Ausstrahlung eingebüßt. Wenn er die „Arena“ betritt, wird es still. Wembley zieht nach wie vor sein Publikum in Bann!
Nachtrag vom April 2010:
Wembley ist diesen Monat 23 Jahre alt geworden. Sein Alter sieht man ihm dennoch nicht an. Er ist fit und bei bester Gesundheit, sieht blendend aus und wird maximal auf ein Alter von 15 Jahren geschätzt. Selbstverständlich wird er weiterhin gymnastiziert, jedoch seinem Alter angepasst. Bestimmte Lektionen, wie etwa Trabvolten, Galopp-Pirouetten, Terre à Terre werden nicht mehr geritten, auch Passage nur noch selten. Er wird oft an der Hand und an der Longe gearbeitet, weiterhin sind die Levaden im Programm, weil ich herausgefunden habe, daß sie seine Rückenmuskulatur bestens erhalten und stärken. Er steht meinem Lebensgefährten und dessen Tochter als Lehrpferd zur Verfügung, und die Rolle als "Herr Professor" in der Reitbahn und bei Ausritten genießt er unwahrscheinlich. Was aber nicht heißen soll, daß ich ihn nicht mehr selbst reite. Er reagiert nach wie vor auf feinste Hilfen und ist ein Genuß unter dem Sattel!




